
In seinem Reisetagebuch berichtet Steffen Seibert von den Hauptproblemen, unter denen die Menschen und vor allem die Kinder in der Ukraine leiden. Jeder dritte Ukrainer lebt unterhalb der Armutsgrenze; viele Kinder sind bereits bei der Geburt mit dem Aids-Virus infiziert. Eine Station von Seiberts Reise ist das Straßenkinderzentrum "The Way Home" in einem kargen Hinterhof in Odessa:
"Hier werden täglich rund 50 Straßenkinder betreut. Der elfjährige Oleg ist gerade neu angekommen. Sechs Monate lang hat der Kleine, der eher aussieht wie sieben, sich auf den Straßen Odessas durchgeschlagen: Olegs Haarschopf ist voller Läuse, er leidet unter Krätze - alles typische Straßenkinder-krankheiten. Der verwahrloste Junge strahlt, als Sozialarbeiterin Raissa ihn einfach in den Arm nimmt. Weggelaufen ist er vor seiner trinkenden Mutter. Im ersten Stock gibt es für zwölf Kinder einfache Etagenbetten - für Oleg sicher der beste Schlafplatz, den er seit Monaten hatte.

Erschütternd auch die Geschichten der älteren Kinder. Der 17jährige Jenia war zwei Jahre auf der Straße und zwei Jahre in einem Erwachsenengefängnis. Er ringt sichtbar um Fassung als er erzählt, dass sein Vater vor zwei Jahren seine Mutter umgebracht hat,. Wir versuchen uns vorzustellen, wie Jenia sich auf der Straße durchschlug, wie er stahl und bettelte. Dieses Elend, diese erbärmliche Existenz ist wohl wirklich nur mit Drogen erträglich. Viele Kinder brauen sich aus giftigen Pilzen, Tabletten und Mohnsamen einen billigen und hochgefährlichen Drogenmix, der dann gemeinsam gespritzt wird. Auch Jenia infizierte sich auf der Straße mit HIV.
Der zwölfjährige Sascha lebt mit seiner Mutter im Zentrum. Sein altes Zuhause waren fünf Quadratmeter Abstellraum in einem tristen Wohnblock - hier arbeitete die Mutter als Putzfrau. Sveta, 15 Jahre, trampte aus ihrem Heimatdorf nach Odessa. Ihr Vater schlug und missbrauchte sie. Ein anderes Mädchen erwartet ihr erstes Baby. Sie alle sind voller Hoffnung, im Zentrum einen Neuanfang zu machen, endlich etwas zu lernen. Sie malen und zeichnen, es gibt eine kleine Bibliothek, bald sollen auch ein Fotolabor und ein Sportraum zur Verfügung stehen. Mit Spenden aus Deutschland wird UNICEF einen Raum mit Möbeln und Lernmaterial ausstatten. Die Kinder erhalten hier auch Informationen über die AIDS-Gefahr. UNICEF unterstützt Way Home aber auch mit warmer Kleidung und Erste-Hilfe-Ausrüstung.
Raissa und ihre Kollegen fahren täglich die Aufenthaltsorte der Straßenkinder ab. Am Abend führen sie uns zum Unterschlupf einer obdachlosen Familie. Auf einem vermüllten Abbruchgrundstück haben sie einen feuchten Raum mit Matratzen hergerichtet. Auf dem Tisch ein Topf mit kalter Brühe, in der Ecke eine Heizplatte, die etwas Wärme spendet. Der Way-Home-Helfer spricht mit den lethargischen Menschen, versorgt Abszesse und offene Wunden. Der strenge Geruch in dieser Hölle verschlägt mir den Atem. "Wenn ich das hier sehe weiß ich, warum ich nie mehr auf der Straße leben will", sagt der Junge, der erst seit kurzem für Way Home arbeitet." [...]

[...] "Im Rückblick war das wohl das Beindruckendste an meiner Ukraine-Reise: Der Enthusiasmus und der Idealismus der Menschen, die sich hier für andere einsetzen. Ich habe so viele kleine Inseln der Hoffnung gesehen. Doch längst noch nicht alle Kinder werden erreicht. Natürlich muss sich in dieser jungen Demokratie auch politisch noch vieles ändern. Aber eines ist völlig klar: Die Ukraine braucht unsere Unterstützung dringend."
(www.unicef.de)
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