von Anja Bröker
Nun sind es fast zwei Jahre her, seit dem schrecklichen Geiseldrama von Beslan. Die Bilder der toten, verwundeten, völlig entkräfteten Kinder in der Schule lassen uns bis heute nicht los. Nach dem Entsetzen kam die Wut, auf die Unfähigkeit der russischen Spezialeinheiten, deren Rettungsversuche völlig chaotisch waren. Wut aber auch auf die eigene Hilflosigkeit, nichts tun zu können. „fragile!“ tut aber was! Für die Kinder von Beslan und anderen Orten dieser Welt, wo das Leben der Jüngsten in Gefahr ist.
Auch vor den dramatischen Septembertagen 2004 waren es Kinder, deren Schicksal mich in Russland beschäftigten. Ob es die hungrigen Augen der dreijährigen Nastja aus Tschukotka waren, die noch immer an der Brust ihrer Mutter hing, weil die Familie nichts zu Essen hatte. Oder der kleine Marat, der ausgerechnet in der Nacht des Sturms auf das von Terroristen besetzte Moskauer Nord-Ost-Theater zur Welt kam. Ausgerechnet in jener Schicksalsnacht wurde er in der einzigen Geburtsklinik von Grosny in Tschetschenien geboren. Seine Mutter bekam auf dem Weg ins Krankenhaus Wehen – und wurde stundenlang an den Checkpoints der russischen Armee aufgehalten.
Das waren Momente und Geschichten, die sich einbrennen ins Gedächtnis. Doch sie zeigen „nur“ die extremen Seiten dieses Russlands. Zum Alltag gehören andere Bilder: Die der Kinder auf den Strassen, ob in Moskau, St. Petersburg oder sibirischen Millionenstädten. Betteln, schnüffeln, sich verkaufen, in U-Bahn-Station herumlungern. Sie sind so viele, werden immer jünger – man schätzt, dass inzwischen eine Million Kinder in Russland „draussen“ sind. Raus aus den Familien, auf der Flucht vor trinkenden Vätern, vor Prügel und Gewalt. Raus aus den staatlichen Kinderheimen, die noch immer in entsetzlichem Zustand sind. Unterfinanziert und der Kinder unwürdig.
Was kann man tun für diese Heerschar kleiner Gestrandeter? Sehr, sehr viel. Was macht der russische Staat, um diesem Problem beizukommen? Ausser Sonntagsreden des Präsidenten - nicht viel. Die 5-Millionen-Stadt St. Petersburg leistet sich gerade mal 200 Sozialarbeiter für 16 000 Strassenkinder, die offiziell obdachlos sind. Viel zu wenig, um wirklich Ausstiegschancen aus dem Teufelkreis Strassenstrich-Drogen-AIDS zu bieten. Jede Hilfe aus dem Ausland wird in Russland noch immer argwöhnisch beäugt. Wie zunächst auch im Fall des Strassenkinder-Zirkus „Upsala“ in St. Petersburg: Das ist ein beeindruckendes Projekt einer Berlinerin, die vor 6 Jahren mit ihrem Einrad und Jonglierbällen auf die Strassenkinder zu ging – und sie auf erstaunliche Weise sogar erreichte und für die „Arena“ begeisterte. Zur Zirkusfamilie gehören inzwischen 50 Kinder und Jugendliche im Alter von 7 bis 19 Jahren. Hauptsache weg von der Strasse!
„fragile!“ will Strassenkindern in Russland ganz konkret helfen. Und unterstützt Hilfsprojekte wie den Zirkus in St. Petersburg. Oder das kleine Kinderheim „Phönix“ im Dorf Rogatschjowo unweit von Moskau, einem Projekt zur Wiedereingliederung von Strassenkindern in die russische Gesellschaft. Wir können was tun! Auch wenn es das alltägliche Drama auf den Strassen russischer Großstädte nicht beenden wird...
(www.phoenix-moskau.org)
(www.upsala-zirk.org) |