von Andreas Hummelmeier
Es waren Bilder aus einem Flüchtlingslager in Südlibanon. Die meisten Einzelheiten habe ich vergessen. Ich weiß nicht mehr, ob es ein Mann war oder eine Frau, die das Kind im Arm hielt. Ein Junge, glaube ich, im Krabbelalter, vielleicht gerade alt genug für die ersten Schritte.
Ganz still lag er da, die Augen geschlossen. Um ihn herum schrie alles durch-
einander. Eine israelische Rakete hatte das Lager getroffen. Der Generalstab sprach später von einem Fehlschuss und bedauerte den Zwischenfall. Die Person mit dem Kind im Arm drehte sich ein bisschen. Die Kamera zeigte jetzt den Hinterkopf des Kleinen. Der war weggerissen, die Schädeldecke fehlte, da war nur noch ein blutiger Klumpen. Das Bild dieses toten Kindes verfolgt mich bis heute, anfangs träumte ich oft davon.
Fast zehn Jahre ist das jetzt her. Ich war damals gerade Nachrichtenredakteur geworden. Viele Bilder von toten und verstümmelten Kindern habe ich seither gesehen. Kinder in Afrika, vor laufender Kamera gefesselt, verprügelt und schließlich erschossen von Kindersoldaten, kaum älter als sie. Kinder in Srebrenica, die erleben mussten, dass ihre Väter abtransportiert wurden und nicht wiederkamen.
Kinderleichen auf Marktplätzen in Israel nach einem Selbstmordattentat. Und immer wieder Aufnahmen von Kindern im Krieg im Irak. Wir senden die Bilder der toten Kindern nicht, aber wir müssen sie sichten, ob Szenen zu finden sind, die wir den Zuschauern zumuten können.
Das gehört zu den Routinen in einer Fernsehredaktion. Ich kann mich trotzdem nicht daran gewöhnen. Niemand soll sich daran gewöhnen und damit abfinden. Deshalb unterstütze ich fragile!.
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